Ackerbau in Deutschland = keine Zukunft?

Vor wenigen Tagen war ich auf einer Veranstaltung der DLG, wo ich mit Stefan Dürr sprechen durfte.

Im Alter von Anfang 20 ist er als Student nach Russland gereist, lernte Land und Leute kennen, und blieb. Seinen Pioniergeist setzte er in den darauffolgenden Jahren für den Aufbau eines Handelsunternehmens ein. Durch harte Arbeit, Fleiß und Disziplin wurde die Ekoniva zum größten John Deere-Händler Kontinental-Europas.

Die Leidenschaft für die praktizierende Landwirtschaft war aber stets ungebrochen, der Einstieg in die Agrarproduktion somit nur eine Frage der Zeit.

Innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten baute Stefan Dürr aus dem Nichts, in einem fremden Land, mit fremden Leuten und einer fremden Kultur einen der größten Agrarbetriebe der Welt auf:

  • 500.000 ha bewirtschaftete Fläche Anfang 2018
  • 134.000 Kühe, davon 67.000 Milchkühe
  • 1,6 Mio. Kilogramm Milchproduktion pro Tag, was das Unternehmen zum 7. größten Milchproduzenten der Welt macht.

Um diese enormen Dimensionen zu veranschaulichen, sei dies am Beispiel von Deutschland illustriert. Unter der Annahme, dass die Hälfte der deutschen Landesfläche durch die Landwirtschaft genutzt wird, entsprechen die 0,5 Mio. ha Ackerfläche in etwa 1 Mio. Landesfläche, was in etwa so aussieht:

 

Quelle: Google Maps

Was hat nun aber neben einem guten Management, geeignetem Personal und politischer Unterstützung zu solch einer beeindruckenden Unternehmerleistung geführt? Warum ist Russland heute der größte Weizenexporteur der Welt, obwohl es Ende der Neunziger gerade den Eigenbedarf decken konnte?

Und warum erreicht der größte deutsche Betrieb noch nicht einmal 10 % der Fläche der Ekoniva?

Nun, die Antwort liegt in den günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen:

  • Extrem günstige Kaufpreise für Ackerland:         1.000 €/ha                    vs.          50.000 €/ha
  • Sehr niedrige Gehälter:                                            3 €/Arbeitsstunde        vs.          12 €/h
  • Unterstützung durch den Staat:                              2 % Kreditzins bei 10 % Inflation
  • Subventionierung von Stallbauten
  • Importverbot von EU-Lebensmitteln als Reaktion auf die Krim-Sanktionen
  • Geringe Besteuerung v. Betriebsmittel Dünger, Kraftstoff, Pflanzenschutzmittel

Insbesondere die Gegensanktionen durch Russland, die zu einem Importstopp von europäischen Agrar- und Lebensmittelprodukten geführt haben, verhalfen der russische Landwirtschaft durch das wegfallen der Konkurrenz zu einem imposanten Aufstieg.

Im Alter von etwa 16 Jahren, nach dem ich die erste Doku über Stefan Dürr gesehen hatte, wollte ich auch Landwirt in Russland werden, weshalb ich damals mit einem deutschen Landwirt in Russland telefoniert hatte. Dieser erzählte, dass damals über ein Drittel der Fläche brach lag!

Diese Zeiten sind jetzt vorbei, und mehr und mehr Land wird unter den Pflug genommen.

Durch das Wegfallen der „lästigen“ deutschen Schweinemäster-Konkurrenz, ist Russland mittlerweile auch zum Selbstversorger bei Schweinefleisch geworden, ab 2019 wohl erstmals Exporteur – und das mit modernen Ställen, günstigeren Produktionskosten und gleicher Qualität.

Was macht der deutsche Bauer?

Der fragt tatsächlich, wann denn endlich die Russland-Sanktionen wegfallen, damit er und seine Kollegen endlich wieder Exportieren und so auch wieder gute Preise bekommen.

Dass der Markt für immer verloren ist und sich die Europäer an dieser Stelle kräftig ins Knie geschossen haben, ist bei vielen noch nicht angekommen – womöglich durch die anhaltende Ohnmacht ausgelöst durch die Politik, die den deutschen Landwirten einen Stolperstein nach dem anderen zwischen die Beine wirft.

Ist die deutsche Landwirtschaft am Ende?

Eines ist klar: Auf dem Weltmarkt wird ein deutscher Landwirt nicht mehr gebraucht.

Egal ob das der Ackerbauer mit 150 ha und einer Weizen-Raps-Zuckerrüben-Fruchtfolge aus Niedersachsen ist, sein Kollege mit 2.000 Schweinen in Westfalen oder der Biobauer mit 100 Kühen in Bayern: Diese Betriebe werden verschwinden. Es wird sich in wenigen Jahren schlicht und ergreifend nicht mehr geben. Ihren Job übernehmen jetzt andere.

Deutlich wird dies auch an den ausufernden Produktionskosten-Differenzen, ausgelöst durch Mindestlohn, „Tierwohl“-Initiativen und Bürokratie:

  • Weizen                       90 €/t, Tendenz sinkend       vs.          130 €/t, Tendenz steigend
  • Schweinefleisch       0,75 €/kg                                 vs.          1,60 €/kg
  • Milch                          25 €ct/kg                                 vs.          33€ct/kg

Was kann ein deutscher Landwirt jetzt machen?

Im bleibt nichts anderes übrig, als die höhere Kaufkraft auf seinem Heimatmarkt auszunutzen, und etwa in die Direktvermarktung einzusteigen (#Bio #Regional) und sein Kerngeschäft mit Begleitgeschäften wie etwa Urlaub-Auf-Dem-Bauernhof oder ähnlichem zu garnieren.

Von Agrarischer Großproduktion und einer effizienten Landwirtschaf kann er zwar noch träumen, doch auf dem Weltmarkt sind seine Standardprodukte zu teuer.

Dort vermisst ihn keiner.

FÜR INTERESSIERTE:

Wer mehr über die Agrarproduktion in Russland erfahren möchte, dem empfehle ich die Aufzeichnung des Vortrags von Stefan Dürr vom 15.01.2018. Hier gehts zur Aufzeichnung.

Fabian Wierczoch
Founder & CEO

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